Nachts im Wald – Wie viel Naivität darf es sein?

Ich erwache nachts im Wald und friere. Ich liege auf dem Boden, die Äste und Steine drücken sich unangenehm in meinen Rücken. Langsam richte ich mich auf und schaue mich um. Ich sehe so gut wie nichts, nur die Schemen von Bäumen zeichnen sich gegen das schwache, silbrige Mondlicht ab. Plötzlich erhellt ein Lichtstrahl die Umgebung, ein kurzes Aufleuchten, bevor es wieder dunkel ist. Doch ich meine, etwas gesehen zu haben, direkt neben mir. Auf einmal bewegt sich dieses Etwas und ich springe auf. Mein Herz klopft hart, mein ganzer Körper ist angespannt. Langsam richtet sich der Schemen auf und ich starre ihn angestrengt an, jederzeit bereit, anzugreifen oder wegzurennen. Im Zwielicht erkenne ich, dass es ebenfalls ein Mann ist. Seine langsamen, zaghaften Bewegungen strahlen jedoch unmissverständlich aus, dass er genauso verwirrt ist wie ich selbst. Wieder das kurze Aufleuchten und meine Anspannung lässt deutlich nach, als ich in seine Augen schauen kann. Ich habe Angst gesehen, große Angst. Der Fremde ist keine Gefahr für mich. Doch da war noch etwas. Irgendwie kommt mir der Fremde bekannt vor.

„Wer bist du? Wo sind wir hier?“ fragt er mich ängstlich.

„Ich weiß es nicht.“ antworte ich.

„Aber das kann doch nicht sein. Ich weiß nicht einmal mehr, wie ich hier hergekommen bin.“

„So geht es mir auch.“

„Ich will hier weg.“

„Dann lass uns gehen.“

Du weißt wo wir sind? Zum Glück! In welche Richtung müssen wir?

„Nein, ich weiß nicht, wo wir sind. Aber wir sollten in Richtung des Leuchtturms gehen.“

„Leuchtturm? Was denn für ein Leuchtturm?

In diesem Moment erscheint das Licht wieder und erhellt für einen kurzen Augenblick den Wald und mein Gegenüber. Und auf einmal weiß ich, warum er mir so bekannt vorkam. Der Fremde erinnert mich an mich selbst, die Ähnlichkeit ist verblüffend. Doch er scheint es nicht gesehen zu haben.

„Du meinst ja wohl nicht, dass wir einfach in die Richtung dieses Lichtes dort hinten gehen, oder?“

„Wieso denn nicht?“

„Naja weil das total naiv und leichtsinnig wäre. Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte, sieht der Wald gerade in dieser Richtung am dichtesten und wildesten aus. Außerdem wer sagt uns, dass dies der kürzeste Weg ist? Und woher wissen wir, dass wir nicht direkt einem Bären in die Arme laufen? Ganz bestimmt werde ich nicht einfach einem Weg folgen, nur weil da ein Licht ist. Was für eine bescheuerte Idee!“

„Und was ist dein Vorschlag?“

Völlig ungläubig schaut er mich an. Dann fängt er an aufzuzählen, als ob er mit einem Kind sprechen würde:

„Na wir denken nach. Wir wägen ab. Vor- und Nachteile, Risiken und Chancen. Spielen verschiedene Szenarien durch. Und dann planen wir den Weg und überlegen uns, worauf wir uns einstellen müssen. Was wir bedenken müssen und was alles schief gehen kann. Und erst wenn wir für diese ganzen Dinge eine Lösung haben, dann gehen wir los. Mit einem Plan und sicher. So wie man das halt macht!“

Wieder das Aufleuchten, wir schauen uns in die Augen.

„Nein“ sage ich bestimmt. „Ich gehe direkt los.“

Nun ist der andere völlig überfordert.

„Aber…aber das geht doch nicht. Was ist wenn du stürzt?“

„Dann stehe ich wieder auf.“

„Und wenn du dich verläufst?“

„Dann orientiere ich mich anhand des Lichtes neu.“

„Ja, aber du kannst mich doch nicht einfach hier so zurücklassen.“

„Du darfst gerne mitkommen.“

„Wie oft denn noch? Das geht so nicht! Wir müssen erst einen Weg finden.“

„Genau das werde ich tun. Auf Wiedersehen.“ sage ich, drehe mich um und gehe in Richtung des Lichtes fort.

Ich höre noch, wie der andere mir wütend hinterher ruft:

„Du egoistischer Narr. Ich hoffe du triffst auf den Bären!“

Ich achte nicht auf ihn und gehe weiter. Wir haben beide unsere Entscheidungen getroffen.

Der Weg ist mühsam. Es ist ein alter, dichter Wald. Die großen Bäume stehen so dicht beieinander, dass ein Hindurchkommen auch so schon schwer wäre. Zusammen mit dem üppigen Unterholz und den vielen umgestürzten Bäumen wird das Vorankommen zur echten Herausforderung. Immer wieder stolpere ich über Wurzeln und falle hin. Einmal schlage ich mit dem Kopf so hart gegen etwas, dass ich weiße Punkte vor mir tanzen sehe. Zweifel kommen auf.

Vielleicht hatte der andere doch Recht. Vielleicht übernehme ich mich hier gerade und habe die Situation völlig falsch eingeschätzt. Was ist zum Beispiel, wenn das Licht aufhört zu leuchten? Im Dunkeln sitze ich im Wald und warte auf das rettende Zeichen meines Leuchtturms. Während ich so warte, schießt mir ein Gedanke durch den Kopf. Wenn es wirklich aufhören sollte, mir den Weg zu leuchten, dann sitze ich alleine im dunklen Wald. Genau so, wie der andere es für sich freiwillig gewählt hat. Mit dem einzigen Unterschied, dass er nicht einmal den Versuch gewagt hat, loszugehen. Dieser Gedanke schenkt mir neue Zuversicht und die Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein. Er beflügelt mich und kurz darauf erscheint das erlösende Leuchten. Ich realisiere, dass ich ein wenig von meinem Weg abgekommen bin. Ich korrigiere meine Richtung und gehe wieder los. Langsam, vorsichtig, Schritt für Schritt, in Richtung des Lichtes.

Nach mehreren, unfassbar anstrengenden Stunden hört der Wald plötzlich abrupt auf und gibt den Blick frei. Zerkratzt und völlig durchgefroren stehe ich an einer Steilküste und blicke auf das weite, wilde Meer, das etwa 20 Meter unter mir kräftig gegen die Felsen schlägt. Der Mond steht voll am Himmel und beleuchtet mit seinem silbrigen Licht nicht nur die wilden Wassermassen, sondern auch meinen Leuchtturm. Er prangt auf einer Klippe 200 Meter rechts von mir und erleuchtet in regelmäßigen Zyklen die gesamte Umgebung. Ich schleppe mich zu der Tür am Fuß des Turms und klopfe so kräftig dagegen, wie ich nur kann.

Nach kurzer Zeit öffnet ein alter Mann mit freundlichem Gesicht die Tür. Er grinst breit.

„Da bist du ja endlich. Sehr schön, sehr schön. Komm herein, es ist schon alles vorbereitet.“

Verwirrt starre ich den alten Mann an, doch der packt mich einfach am Ärmel und zieht mich hinein.

Im Innern ist es angenehm warm und ich merke sofort, wie die Wärme meine Muskeln entspannen lässt. Ich drohe von der Müdigkeit übermannt zu werden doch zwinge mich, aufmerksam zu bleiben. Der runde Raum ist heimelig eingerichtet, Angeln hängen an der Wand, ein großes rundes Fenster gibt den Blick auf das Meer und den Mond frei und im Kamin knistert ein Feuer. In der Mitte des Raumes steht ein ebenfalls runder Tisch, gedeckt mit den verschiedensten Speisen und Getränken. Am Kamin stehen zwei gemütliche Ohrensesseln, auf denen dicke Decken liegen.

„Dir ist kalt und du hast Hunger, also setz dich und greif zu.“ sagt der Alte.

„Was soll das? Was ist das hier alles? Woher kennen Sie mich?“ frage ich bestimmt.

Durch das runde Fenster sehe ich im Augenwinkel etwas aufleuchten, nur ganz kurz. Als ich hinschaue, ist es vor dem Fenster wieder dunkel.

Ich blicke zu dem Alten, der mich liebevoll anblickt.

„Wo ist der andere Mann?“ fragt er.

Ich bekomme ein flaues Gefühl im Magen. Er weiß es! Er weiß, dass ich ihn zurückgelassen habe.

„Er wollte im Wald bleiben.“ antworte ich knapp.

Wieder sehe ich ein Leuchten im Augenwinkel durch das Fenster. Dieses mal schaue ich schnell genug hin um zu erkennen, dass es nicht das Licht unseres Turmes sein kann. Es kommt vom Meer. Oder einer Insel.

„Weißt du, was das Dilemma des anderen ist?“ Der alte Mann zieht meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. Er schaut mich freundlich an, doch ich schweige. „Er will nicht losgehen, bevor er den Weg nicht kennt.“ sagt er. „Aber er wird den Weg nur dann kennen lernen, wenn er losgeht.“ Der Alte schenkt mit langsamen, eleganten Bewegungen zwei Tassen dampfenden, duftenden Tee ein. „Dieser Denkfehler verbannt ihn zur Tatenlosigkeit. Dabei ist enorm wichtig zu verstehen, dass seine eigentliche Motivation sehr sinnvoll ist. Es geht ihm um Sicherheit. Viele Menschen sind so gepolt, dies ist sozusagen ein evolutionäres Erfolgsrezept. Nur so konnten wir als Spezies überhaupt erst so weit kommen.“ Ich verberge meine Skepsis nicht. Außerdem bin ich abgelenkt. Das Licht auf dem Meer scheint ein weiterer Leuchtturm zu sein, zumindest erscheint es ebenso regelmäßig. Es zieht mich wie magisch an, doch der Alte fährt fort. „Doch diese Motivation, das Streben nach Sicherheit, ist auch gefährlich. Denn sie ist so verführerisch, dass wir Menschen leicht eine zu hohe Dosis davon einnehmen. Und wenn das passiert, gehen wir am Ende überhaupt nicht los. Lieber bleiben wir alleine im dunklen Wald zurück. Und wir beide wissen, dass dies am Ende die gefährlichste Wahl ist.“ Er zwinkert mir zu und lächelt mich sogar noch breiter an. „Aber nun setz dich schon und greif zu!“

Ich schaue ihm in die Augen, immer noch unschlüssig, was ich von der ganzen Sache hier halten soll.

Er blickt freundlich zurück. So stehen wir für einen Moment schweigend da.

Im Augenwinkel sehe ich wieder das Leuchten im Fenster, auf einmal erfasst ein wohliges Kribbeln meinen Körper.

Plötzlich verändert sich der Gesichtsausdruck des anderen. Er bekommt einen traurigen Zug um die Mundwinkel, seine Augen verlieren etwas von ihrer Strahlkraft.

„Doch auch du steckst in einem Dilemma.“ sagt er nachdenklich. Ich merke sofort, wie Wut in mir aufsteigt.

„Was soll das denn heißen?“ fahre ich ihn an.

„Ich glaube du weißt ganz genau, was ich damit meine.“

„Weißt du was, mir langt es. Du hälst mir hier einen Vortrag, um den ich dich nicht gebeten habe. Du tust so, als ob du mich kennen würdest und trotzdem verrätst du mir nicht, wer du bist. Und jetzt beleidigst du mich auch noch. Ich weiß zwar nicht, was das hier alles soll, aber eines weiß ich gewiss: Ich war lange genug hier.“

Mit diesen Worten drehe ich mich um und stapfe energisch aus der Tür.

„Bitte tu das nicht.“ höre ich den Alten sagen. Doch ich ignoriere ihn und schlage die Tür fest hinter mir zu. Ich atme die kühle, erfrischende Luft tief ein. Auf einmal wirkt mein Kopf wieder klarer, meine Gedanken geordneter. Ich sehe das andere Licht nun deutlich im dunklen Meer aufblitzen. Erregung ergreift meinen ganzen Körper. Irgendwie muss ich doch dorthin kommen, denke ich mir, als ich mich in Bewegung setze.

Epilog

Der Alte ist traurig, obwohl er genau gewusst hat, was passieren wird. Niedergeschlagen lässt er sich in einen der tiefen Sessel fallen. Was für ein naiver Narr er doch ist.“ Sagt er laut in den leeren Raum hinein. Er war so geblendet, dass ihm nicht einmal die Ähnlichkeit aufgefallen ist. Er hatte nur Augen für das nächste Ziel, das nächste Abenteuer, für sonst nichts.

Nachdem die erste Woge der Enttäuschung abgeflacht ist, werden seine Gedanken jedoch versöhnlicher:

Naja, aber eigentlich weiß ich ja, dass dieser Weg wichtig für ihn ist. Dass die Erfahrungen und Niederschläge ihn erst formen werden und zu der Person heranreifen lassen, die in ihm steckt. Ich hätte ihm nur gerne die ganzen Probleme und Schmerzen auf diesem Weg erspart. Aber wahrscheinlich war dies von Anfang an eine naive Idee. Er lächelt in sich hinein und schaut hinüber zu den eingerahmten Zeilen an der Wand: „Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.“ Er liebt dieses Zitat von Franz Kafka einfach. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, aber auch die Verantwortung, seinen eigenen Weg zu erschaffen. Zufrieden mit dieser Erkenntnis steht er auf und geht zu dem großen Spiegel an der Wand hinüber. Er schaut sich selbst direkt in die Augen. Mit liebevoller Stimme sagt er laut: „Ich vergebe dir, dass du damals so naiv warst. Und ich vergebe dir, dass du es noch immer manchmal bist.“